Wofür wir Krisen brauchen. „Du musst es positiv sehen!“

Ein Welle des Umschwunges rollt durch meinen Freundeskreis. Die ersten sind mit dem Thema Kinderplanung durch, suchen sich neue berufliche Herausforderungen und viele stellen fest, dass die Beziehung nicht mehr passt. Ist es nicht so, dass auch jetzt noch unterschiedliche Vorstellungen von Familie und Leben in den Köpfen von uns regieren? Wir Frauen wünschen uns Kinder und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Wir geben alles für unsere Kinder. Schmieren wie selbstverständlich Brote, hocken die halbe Woche auf dem Spielplatz oder dem Sportplatz, stehen nachts auf und versuchen neben unseren beruflichen Wünschen noch den Haushalt zu managen. Wer fragt denn, wie wir uns dabei fühlen?

Ich habe eine Krise. Mal wieder. Oder immernoch? Ich weiss es nicht. All das, was ich jeden Tag zu Hause leiste, leiste ich automatisiert und weil es einfach so ist. Ich backe Kuchen für die Kita, kaufe die richtigen Kekse ein, habe den Lieblingsjoghurt des Kindes im Kühlschrank, stehe freitags stundenlang auf dem Spielplatz und koche jeden Tag frisches Essen. Ich habe mich verloren auf diesem Weg. Ich fühle mich schlecht, wenn ich mal nur an mich denke und meine Hausarbeit nicht schaffe. Weil mir die Kraft fehlt oder einfach die Lust.

„Keiner braucht mich.“

Am Dienstag habe ich dieses tiefe Gefühl, das mich seit einigen Wochen begleitet ausgesprochen. Das blonde Mädchen ist so unglaublich selbstständig geworden, an vielen Stellen ist es mit ihr gerade aber unerträglich kompliziert. Ich fühle mich dann alleine, überfordert und habe das Gefühl, dass mein Kopf ganz tief im Sand steckt. Ich bekomme unglaublich viele Tipps, Ratschläge oder gut gemeinte Ideen. Ich weiss, dass es niemand böse meint. Ich kann es aber einfach nicht mehr hören und ertragen. Mein Bauchgefühl hat einen Knacks und wird gerade von tausenden Gedanken überstimmt. Ich kenne dieses Gefühl nicht, denn mein Bauchgefühl hat mich die letzten fünf Jahre getragen und mich auch durch schwierige Situationen gebracht

Was mache ich denn jetzt?

Ich sitze also weinend auf unserem Fußboden, meine Augen sind dick und ich weiss einfach nicht mehr weiter. Ich fühle mich einsam, ungebraucht und total überflüssig. Irgendwie austauschbar. Ich weiss, dass mein Leben gerade unglaublich privilegiert ist. Ich arbeite von zu Hause, habe viel Zeit für meine Tochter und mache das, was ich gerne mache und gut kann. Aber mir reicht das nicht, ich bin mit mir selbst nicht im Reinen. Die anfallenden Arbeiten zu Hause mache ich wie ein kleiner Roboter. Weil sie gemacht werden müssen und das einfach immer meine Aufgabe war. Zwischen unzähligen Körben Wäsche und dem Wischeimer frage ich mich tatsächlich ob ich gerade komplett durchdrehe?

So geht es nicht weiter.

Mir ist bewusst, dass es so nicht weitergeht. Ich muss etwas ändern und zwar genau jetzt und nicht erst, wenn es zu spät ist. Verzweifelt stehe ich also zwei Tage später an der Tür eines Coaches. Ich erzähle meine Geschichte, beschreibe meine Gefühle und meine Unzufriedenheit. Sie lacht, ich würde aussprechen, was viele Frauen runterschlucken. Sie würden sich in das System einfügen und viele würden sich auf diesem Weg komplett verlieren. „Sie müssen sofort mehr an sich denken.“ Meine Aufgaben? Ich darf jetzt jeden Abend eine Liste führen und die fünf positivsten Dinge des Tages aufschreiben. Wir Menschen neigen dazu, negativen Gefühlen mehr Raum zu geben und die positiven Dinge in der Hintergrund zu stellen. Ich muss lernen, dass positive Erlebnisse einen größeren Raum einnehmen sollen.

Was heute gut gelaufen ist?
Das Kalinchen hat heute ganz alleine Plätzchen gebacken und die Küche dabei in einen extremen Zustand gebracht. Ich bin ruhig geblieben, habe mich über ihre Selbstständigkeit gefreut und habe danach einfach ohne Murren alles aufgeräumt.Ich bin endlich wieder Laufen gegangen. Die Tour wird immer besser und ich will ab jetzt 2-3 Mal die Woche laufen gehen. Und mir einen neuen Yoga Kurs suchen.Meine Laune war so gut, dass auch die Stimmung insgesamt viel besser war.Ich war ohne Angst beim Zahnarzt zum Fäden ziehen.Ich habe ganz viele Termine nur für mich alleine gemacht und will endlich wieder mehr an mich denken.

Warum ich das alles mit euch teile? Ich glaube es geht ganz vielen Müttern so. Unsere Kinder werden groß und unsere Aufgaben sind einfach automatisiert. Wenn wir mit unseren Freundinnen sprechen, teilen wir fast immer nur mit, was gerade schlecht läuft. Fangt doch mal an, die positiven Dinge aufzuschreiben und an euch zu denken.

Denn wenn wir Mütter glücklich sind, dann ist es der Rest unserer Familie, fast immer, auch.

FrauRaufuss.

15 Kommentare zu “Wofür wir Krisen brauchen. „Du musst es positiv sehen!“

  1. Danke für diesen tollen Text! Frau Raufuß, du fasst in Worte, was ich nicht richtig ausdrücken konnte. Ja man ist privilegiert und es ist womöglich jammern auf hohem Niveau. Aber jeder kann sich nur für seine Situation reden und fühlen.
    Mir geht es jedenfalls sehr ähnlich.
    Liebe Grüße

  2. Danke für diesen Artikel! Mir geht es gerade sehr, sehr ähnlich und obwohl ich mit verschiedenen Menschen darüber spreche, bringt es mich gerade nicht weiter. Ich habe das Gefühl, ich brauche eine neue Perspektive auf mein Leben, aber wer kann sie mir geben? Daher würde es mich sehr interessieren, wie du den Coach gefunden hast. Magst du das erzählen?
    Ich drücke dir jedenfalls kräftig die Daumen, dass es dir hilft!

    • Ich hab lange mit mir gerungen und das Problem auch oft weggeschoben. Und Google hat mir dann geholfen…Ich denke im ersten Schritt muss man sich selbst als Problem wahrnehmen und dann handeln…Ich weiss nicht wie die Zukunft wird, ich hoffe aber, es wird viel besser…

  3. Liebe Frau Raufuss, ich lese ja erst seit kurzem hier mit – aber dieser Artikel trifft gerade jetzt und zur richtigen Zeit genau meinen Nerv. Den Abschnitt über „So geht es nicht weiter“ habe ich mal als Bild woandershin geschickt.
    Es ist genau das, was ich in meinem Leben vermisse: den Fokus auf die schönen, auf die positiven Dinge im Alltag zu richten und ihnen viel mehr Bedeutung beizumessen.
    Und meiner Erfahrung nach gilt das nicht allein für Mamas – sondern für überhaupt die Menschen. Denn auch ein Papa gehört zur Familie und seine Stimmungen beeinflussen nicht minder das Familienleben 😉

    • Mein Coach sagt, dass das in den Menschen so drin ist. Unser Fokus geht immer auf die Dinge, die nicht so laufen. Denn dort könnten wir ja noch etwas verbessern und anders machen…Der Mensch ist ein Perfektionist.

  4. Nun bin ich gerade erst auf dem Weg in das Abenteuer Familie, kann aber dennoch so gut nachfühlen, was du beschreibst.
    Ich habe im letzten Jahr jeden Tag abends etwas Schönes vom Tag auf einen Zettel geschrieben und den dann in ein großes Glas gesteckt, eine Freundin hat das parallel gemacht und am Ende des Jahres haben wir gemeinsam unsere Zettel angeschaut, die drei schönsten ausgesucht und viel gelacht und über die vergangenen Momente und Erlebnisse gesprochen. Das war wirklich schön und hat gut getan!
    In diesem Jahr habe ich aber aus irgendeinem Grund den Anschluss daran verloren und nicht mehr weitergemacht – vielleicht nehme ich mir das für 2018 mal wieder vor…
    Liebe Grüße

  5. Ach, ich bin am gleichen Punkt. Am gleichen und doch ein wenig anders. Uns verbindet, dass es einfach anders werden muss! Ich wünsche dir viel Kraft, Erfolg und Glück.
    Viele liebe Grüße,
    Katha (natürlich geliebt)

  6. Danke für Deine Zeilen!! Wie auch schon die Leserinnen vor mir geschrieben haben, geht es vielen von uns oft genau so! Dein Artikel spendet somit etwas Kraft, da wir nicht alleine sind! Und etwas daran ändern sollten, wenn uns unser Alltag unzufrieden macht! Viele Grüße! Claudia

  7. Dankeschön! Ähnlich geht es mir auch, nur das ich noch in der zweiten Elternzeit zu Hause bin und immer denke, wie andere Mamas das schaffen, die auch noch arbeiten.
    Ich gehe seit dieser Woche auch endlich wieder laufen.- schon bevor ich deinen Artikel gerade gelesen habe und freue mich, dass ich nach vier Jahren doch noch recht fit bin! Und ärgere mich auch, dass ich das nicht schon viel früher gemacht habe, aber nur ein bisschen.
    Liebe Grüße Cornelia

    • Ich wünsche dir viel Spass beim Laufen. Ich glaube viele reden einfach nicht darüber, dass es eben manchmal nicht so läuft und auch die perfekten Mamas mal am Ende sind…

  8. So ein wahrer Artikel – und (leider) für mich absolut nachvollziehbar. Ich kenn es nur zu gut, dieses Gefühl, morgens schon mit Mühe aufzustehen und sich durch den bleischweren Tag zu arbeiten. Und Ich hab bei uns zudem immer noch das Gefühl, immer wenn ich mich da grade wieder rausrappel, zum Sport geh, endlich mal wieder eine Freundin treffe und es schaffe, meine Selbstständigkeit wein Stückchen voran zu bringen – dann wird garantiert einer (oder alle der Reihe nach) krank und es geht wieder wochenlang nix.

    • Du sprichst mir aus der Seele. Gerade heute habe ich kaum etwas zu tun und weiss nicht, was ich machen soll. Die Wäsche wäre ein Anfang aber das macht mich einfach nicht glücklich….

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