Wir machen ZickZack. Über das Wechselmodell.

Ja, wir machen ZickZack. Unser Wechselmodell ist eben auch was besonderes. So beschreibt das Kalinchen jedenfalls ihr neues Leben. Was das bedeutet? Gerade bedeutet das: Chaos, unruhige Nächte, ein total verdrehtes Kind, viele Tränen und Gespräche.

Ich habe mir schon immer viel Gedanken über die Zukunft meiner Tochter gemacht. Da ich selbst als Trennungskind aufgewachsen bin, weiss ich welche Fehler Eltern machen können. Egal wie schwer es für alle Beteiligten war, ist und wird, mir ist ganz klar was ich nicht möchte. Ich möchte mir keine Vorwürfe machen müssen mein Kind nicht richtig im Blick gehabt zu haben. Ich möchte mir keine Vorwürfe machen müssen, meine Tochter nicht Ernst genommen zu haben. Und ich möchte ihr immer das Gefühl geben, dass sie die wichtigste Person in meinem Leben ist. All das versuche ich gerade zu vereinen.

Gedanken und Gefühle

Nach 4-5 Wochen habe ich allerdings gemerkt, dass wir mit unserem bisherigen Modell an Grenzen kommen. Die Nächte wurden immer unruhiger und das Kalinchen brauchte immer länger, um nach einem Wechsel wieder in ihrem Zuhause anzukommen. Der Unfall und meine  Einschränkung haben das Ganze nur verschlimmert. Bis zum Umzug konnte ich die Nächte, in denen das Kalinchen nachts in mein Bett gekrochen ist, an einem Finger abzählen. In der neuen Wohnung krabbelt sie fast jede Nacht zu mir oder schläft direkt im großen Bett ein. Das ist für mich vollkommen ok und ich habe schnell verstanden, dass sie diese Nähe gerade braucht. Irgendwann ging aber das Gedankenkarussell los: Warum ist das so? Was machst du falsch? Was ist mit ihr? Musst du dir Sorgen machen?

Sorgen habe ich mir unzählige gemacht. Habe Gespräche mit Freunden und anderen Pädagogen gesucht, habe mit dem Mann geredet, mir Vorwürfe gemacht und mich schuldig gefühlt. Fakt ist: das Kalinchen braucht gerade viel Nähe, das Gefühl, dass wir für sie da sind und Zeit um sich an alles zu gewöhnen. Wir wechseln jetzt seltener und verlängern so die Tage an denen sie bei einem von uns ist. Immoment ist sie einen Tag in der Woche mehr bei mir. Ich hoffe, dass dieses System Ruhe bringt und sie lernt, an welchen Tagen wir hier wechseln. Wir reden viel und ich zeige ihr, dass es auch für mich nicht einfach ist. Sie fehlt mir unglaublich, ist weit weg und zeitgleich so nahe. Ich kann mich gut in sie hinein versetzen, nur ist hier niemand zu dem ich ins Bett krabbeln kann. Die Zeit heilt alle Wunden. So werden auch wir wohl einfach Zeit brauchen, um all das zu verarbeiten. Um zu verstehen, dass eine Familie auch räumlich getrennt sein kann und trotzdem ein Ganzes ergibt. Um zu verstehen, dass wir jetzt einen so wundervollen neuen Menschen in unserem Leben haben. Um zu verstehen, dass auch Mamas Fehler machen dürfen. Und um zu verstehen, dass wir am Ende alle zusammenhalten.

Familie Raufuss ist eben anders

Wir sind eben ein total durchgewürfelter und chaotischer Haufen. Ich habe aber jeden Einzelnen so unglaublich lieb, kann auf ihn zählen und bin froh, dass er zu meinem Haufen dazugehört. Familie ist nicht immer einfach. Sie bringt dich an die Grenzen deiner Nerven, macht dich wahnsinnig und ist sekundenspäter aber genau das, was du gerade brauchst, was du liebst und das, was du willst.
Was ich daraus lerne? Ich muss meinem Kind die Nähe und Geborgenheit geben, die es braucht. Und ich höre zu, mache mir Gedanken und gehe auf mein Kind ein. Ihre Bedürfnisse, Wünsche und Ängste zu spüren, wahrzunehmen und zu akzeptieren steht an erster Stelle.

Mich würde wirklich interessieren, wie andere Kinder mit Trennung umgehen. Ich mache mir oft Gedanken, ob wir ihr damit zu viel zumuten…

Die FrauRaufuss

11 Kommentare zu “Wir machen ZickZack. Über das Wechselmodell.

  1. Alles Gute für Euch ❤

  2. isabelle

    Dein Text zeigt doch,dass es das Kalinchen nicht besser hätte treffen können als bei einer Mama,die so reflektiert und voller Liebe ist! Gib euch Zeit

  3. Kann Isabelle nur zustimmen! Getrennte Eltern wünscht sich kein Kind, aber Du/Ihr gebt Euer Bestes, um es dem Kalinchen so einfach wie möglich zu machen!!! Die Zeit wird mehr Ruhe bringen

  4. Wir sind, orientiere ich mich an Deiner Definition, eine normale Familie.
    Unsere Große kam lange Zeit sehr oft zu uns, tut es phasenweise bis heute. Unsere Kleine kam erst fast nie, nun ständig.
    Sie brauchen Nähe, sie bekommen Nähe.
    Dir ein Danke für den so treffenden Satz bzgl. der Familie. Dieses an den Rand der Nerven bringen und Sekunden später genau das sein, was man braucht – das trifft es Sinus erklärt einige meiner Gefühle in der letzten Zeit.

  5. Hey, es ist für alle eine schwierige Situation so eine Trennung. ixh glaube, wir Mütter machen uns einfach zu viele Gedanken. Die Kinder stecken es oft besser weg als manch ein Erwachsener. Wichtig ist halt nur, dass die Kinder trotz Trennung sich weiterhin geborgen und geliebt fühlen.
    LG

  6. Ach danke! Das tut mir sehr gut!

  7. Das sehe ich so wie du. Man muss sich das nur immer wieder alles bewusst machen…

  8. Das stimmt und ist der wichtigste Punkt!

  9. Hallo Frau Raufuß,
    verspätet: ich bin ja ein bisschen von andersherum; also die dazugekommene neue Partnerin und Mama der Babyschwester. Aber natürlich haben wir diese Probleme und Sorgen auch. Ganz schlimm ist für mich, das aus den Fugen geratene große Mädchen zu sehen und mir Vorwürfe zu machen, weil sie den Papa ja irgendwie nun auch noch mit mir teilen soll. Zumindest fühlt sich das so für sie auf jeden Fall an. Gerade ist es besonders schlimm. Nach einem ungewohnt langen Zeitraum bei ihrer Mama (normalerweise ist sie meistens bei uns) hat sie wahnsinnige Trennungsängste. So sehr, dass sie sogar mit in die Uni kommt und es kaum aushält, den Papa allein auf Toilette gehen zu lassen. Wir versuchen ihr so viel Raum und Nähe und Sicherheit zu geben, wie sie gerade braucht. Zu verstehen, nicht ungeduldig zu werden, ich: das nicht als Ablehnung zu verstehen. Manchmal zehrt uns das auf. Aber offenbar ist es gerade einfach das, was sie braucht, das, was ihr in der Zeit vorher gefehlt hat.
    Danke für deine Erfahrungen und für den Absatz über „Mama [Papa/neue_r Partner_in] darf auch Fehler machen“.

    Ganz ganz herzliche Grüße!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

%d Bloggern gefällt das: