Weil du mir so fehlst…

Es ist 4:34 Uhr. Ich sitze kerzengerade in meinem Bett und die Tränen kullern über mein Gesicht. Ich bin hellwach und weiss nicht, was in den letzten Minuten passiert ist. Da stand er vor mir. Auf einmal. Aus dem Nichts. Ich kann ihn riechen, ich sehe seinen Blick und fühle ihn. Ich habe Angst, fühle mich schrecklich einsam und vermisse ihn zugleich.

So laufen viele meiner Nächte. Die Begegnung mit meinem Vater im Mai hat alte Wunden aufplatzen lassen und er ist so präsent wie nie. Dann kuschel ich mich in mein Bett und möchte das alles am liebsten vergessen. An diesem einen Tag war die Nacht zu Ende und ich hing mit dem iPhone auf Facebook rum. Wie sinnvoll diese sozialen Medien sind um, A nicht mehr zu weinen und B, durch Zufall auf ein wundervolles Buch zu stoßen.

Weil du mir so fehlst

Schon der Titel ,,Weil du mir so fehlst – Dein Buch fürs Abschied nehmen, vermissen und erinnern“ passt einfach auf meine Situation. Es ist 5 Uhr morgens als ich Ayse Bosse anschreibe und ihr meine Geschichte erzähle. 3 Tage später habe ich ein Buch in meinem Briefkasten. Ich brauche einige Tage um das Buch zu öffnen und mich mit dem Vermissen auseinander zu setzen. Eigentlich soll es um das Thema Tod und Sterben gehen. Ich finde aber, meine Situation hat auch etwas endliches. Für mich ist mein Vater nicht mehr da und wird nie wieder da sein.

Ein Bär hat jemanden verloren. Über diesen Verlust ist er traurig, kann ihn nicht verstehen. Tod ist doof. So richtig. Trotzdem wird der Bär wieder schöne Tage haben, er wird lachen können und wird lernen mit dem Schmerz umzugehen.

Weil du mir so fehlst ist ein wundervoll gestaltetes Buch für Kinder und auch irgendwie für mich. Ich kann mich an schöne Momente erinnern und habe tatsächlich mein altes Fotoalbum ausgekramt und mich mit dem Schmerz auseinander gesetzt. Es gibt nur wenige Fotos von mir und meinem Papa, warum das so ist? Als Kind habe ich das nie verstanden, je älter ich werden desto trauriger macht mich diese Tatsache. Mein Erwachsenes Ich geht davon aus, dass sich sein Verhalten damals schon abgezeichnet hat, für ihn habe ich nie eine Rolle in seinem Leben gespielt…

Wie ist das, wenn jemand stirbt und Kinder mit dem Tod umgehen müssen? Wie macht man Kindern klar, dass man weinen darf, dass man sauer sein darf und das Trauer wichtig ist, um mit dem Schmerz klar zu kommen? Ayse Bosse und Andreas Klammt gehen wundervoll mit diesem schweren Thema um. Es gibt Rezepte für Trauerklösse, Trösteduft und eingemachte Erinnerungen. Es ist Platz für Fotos, Erinnerungen, Gedanken und Malereien. Der Bär lernt mit dem Verlust umzugehen und versteht, dass niemand weg ist.


,,Denn ich vergesse dich niemals. DU bist bei mir, für immer und immer.“ Heute morgen haben das Kalinchen und ich, in einem unser unzähligen Autogesprächen, über den Tod gesprochen. Darüber, dass man traurig ist wenn jemand stirbt und das man Angst hat. Das Kalinchen wusste nicht warum man Angst haben soll. „Mama, der Tod gehört doch dazu. Wenn man alt oder sehr krank ist dann muss man sterben.“ Meine Tochter geht wohl einfacher mit diesem Thema um, als ich. Aber sie hat Recht. Es gehört zu unserem Leben und muss daher besprochen werden. Ich würde es sehr schlimm finden, wenn ich für traurige Themen kein offenes Ohr für meine Tochter hätte.

Irgendwann werde ich mit ihr auch meine Geschichte besprechen. Ich werde ihr erklären warum ich oft traurig bin, warum ich nachts schlecht schlafe und warum ich 10 Tage vor meinem Geburtstag, bei jedem Gedanken an diesen Tag, weinen muss. Ich werde ihr erklären, dass sie das Wichtigste in meinem Leben ist, dass ihr Wohl meine Hauptaufgabe ist und, dass ich ein Leben lang hinter ihr stehen werde. Denn, den Fehler den mein Vater gemacht hat, und auch hier spricht wieder das Erwachsenen Ich, das Ich, was seit Monaten diese Situation reflektiert, den werde ich niemals machen. Ich glaube wir wachsen alle an dieser Trauer. Der Verlust hat mich größer werden lassen. Und diese Größe, die gebe ich an meine Tochter weiter.

Und wie singt Bosse im gleichnamigen Song: Aus dem W in Wut wir ein M für Mut.

Frauraufuss

 

PS: Das ist keine Kooperation, ich habe für diesen Beitrag kein Geld erhalten. Er kommt aus dem Herzen und soll mir bei meinem Verlust helfen.

1 Kommentar zu “Weil du mir so fehlst…

  1. Anja Heinrich

    Hallo,ich bin mit 5 Jahren zu meinem Großvater gezogen,da meine Eltern anscheinend nicht fähig waren,sich ordentlich um mich zu kümmern. Meine Großmutter war kurz vorher gestorben. Meine Eltern habe ich nie vermisst,bis ich mit 15 nzw. 16 Jahren erfahren habe,dass beide innerhalb 1 Jahres gestorben sind. Die Umstände sagen mir allerdings,dass es richtig war,dass mein Opa mich zu sich genommen hat. Jetzt mit 39 habe ich selbst 2 wundervolle Töchter und ich möchte denen ein tolle Mama sein. Und ja,obwohl ich meine Eltern nicht kannte,zerreißt es mir manchmal das Herz, dass sie nicht sehen konnten,was für ein tolles LeBen ich habe und warum ich nie die Chance hatte,sie zu fragen,warum sie es um Gottes Willen nicht geschafft,sich dem Alkohol abzuwenden und sich um die Erziehung ihrer einzigsten Tochter zu widmen.
    Ich kann sie gut verstehen,Frau Raufuß!

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