Leben Patchwork

Müde aber was? #Patchwork

Wie wir versuchen, eine Familie zu werden.

„Sag mal Märry, das liest sich immer so, als ob du mittlerweile so ein romantisches und harmonisches Leben führst.“ Zack. Die Mail sitzt. Ich lache laut. Die Realität ist immer noch ein großer bunter Haufen mit vielen vielen Baustellen. Mit Tränen, Diskussionen und Entscheidungen. Mit einem kranken Kind, einer Mama am Ende ihrer Kräfte und einem Mann, der ins kalte Wasser geworfen wird.

Ich sollte auf einer Wolke sitzen, einer rosafarbenen natürlich, und dankbar sein. Für einen Mann, der sich trotz Baustellen, Chaos und Kind für mich entschieden hat. Für ein großes, lebhaftes Mädchen und dafür, dass wir eine so schöne Wohnung haben. Ich mag aber gerade für nichts mehr dankbar sein. Ich möchte schreien, wütend sein, weinen und bockig sein.

Ich bin einfach müde. Müde dank der schlaflosen Nächte mit einem Krupp-Kind. Müde dank der endlosen Diskussionen in einer Ehe. Müde dank der unzähligen Aufgaben für die Uni.
Das Kalinchen raubt mir gerade so viel Energie. Das soll nicht falsch verstanden werden, ich gebe ihr gerne all das, was sie braucht. Seit dem Umzug ist es spürbar jeden Tag mehr geworden. Sie schläft schlecht, krabbelt nachts in mein Bett und nölt den ganzen Tag rum. Nichts kann man ihr Recht machen, alles ist falsch und trotzdem würde sie gerne in mich reinklettern. Die Fieberschübe und der fiese Husten vertausendfachen diese Art gerade sehr und ich bin einfach müde. Nächtelang bin ich aufgesprungen um den Mann nicht zu wecken.

Und jetzt sitz ich hier und frage mich: Was ist aus FrauRaufuss geworden? Ist sie jetzt auf einmal eine Frau, die den Mann nachts schlafen lässt weil er ja am nächsten Tag arbeiten muss? Ist FrauRaufuss jetzt weniger wert und der permanente Schlafentzug ist das Los der Frauen?
Gestern Abend führten wir ein langes Gespräch über diese Thematik. Und nach der Nacht weiss ich, dass ich mehr Verständnis haben muss. HerrRaufuss ist ganz neu in seiner Rolle. Auch er muss lernen, mit den Veränderungen zu leben. Wenn ich mir das Kalinchen und HerrnRaufuss anschaue, dann sind ihre Bedürfnisse mir gegenüber sehr ähnlich. Verliere ich mich dabei  selber? Ich mache es hier gerade niemandem Recht.

Dem blonden Mädchen nicht. Denn ich bin immer gestresst, müde, habe wenig Kapazitäten um ihre Sorgen Ernst zu nehmen und bin super schnell genervt. Ich bin froh, wenn sie sich alleine beschäftigt und ich meinen Kram erledigen kann und weine heimlich, wenn ich weiss, dass sie nicht in die Kita kann. Denn bleibt hier alles liegen und stapelt sich. Ich sehe ihre Bedürfnisse und die Probleme, die sie gerade hat. Das Ankommen im neuen Leben verpackt sie stellenweise total gut und dann kommen Momente, da funktioniert es gar nicht. Dann ist sie so überfordert und ich bekomme es nicht einsortiert.

Dem Mann nicht. Denn ich bin müde, reizbar, dickköpfig, genervt und fühle mich stellenweise nicht verstanden. Wir streiten um Dinge, von denen ich gar nicht wusste, dass man sich darum streiten kann. Einfach nur, damit einer am Ende Recht hat. Wir müssen daran arbeiten, dass niemand von uns mehr wert ist. Egal ob sie den ganzen Tag zu Hause arbeitet, für die Uni lernt und vom Schreiben lebt. Egal ob er 5 Tage die Woche unterwegs ist, nicht in seinem Bett schläft und viel arbeitet.

Mir nicht. Und das ist wohl der größte Punkt. Ich bin nicht glücklich mit mir. Ich bin sauer, dass ich dem Kalinchen nicht geben kann, was sie braucht. Ich bin wütend, dass ich so müde bin und nichts schaffe. Ich bin traurig, dass ich zu müde bin um mit Tanja zu sprechen. Ich bin erschöpft. Vom Arbeiten, vom Lernen, vom Mamasein, vom Ehefrau sein, vom MärryRaufuss sein.
Ich muss lernen, dass dieses Mamasein ein Job ist. Ein Job, den ich im wachen Zustand total liebe. Der mich ausfüllt, mir Kraft gibt und mich auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Der mich aufblühen lässt, mich glücklich macht und den ich als Hauptjob ansehen sollte.

Die Zeit heilt alle Wunden. Man kann nicht von heute auf morgen eine Familie werden. Es braucht Zeit, viel Verständnis, viele Gespräche und jeder muss lernen, in seine Rolle zu wachsen. Und jetzt? Jetzt werde ich schlafen. Werde auf das Chaos hier gucken und den Kopf schütteln.

FrauRaufuss.

 

7 Kommentare zu “Müde aber was? #Patchwork

  1. Märry, du schaffst das, wie du alles im letzen Jahr geschafft hast. Es wird immer auf und ab´s im Leben geben, also Kopf hoch!

  2. Oh wie gut kann ich das verstehen. Keine Kraft mehr, sich selbst nicht mehr mögen, ggf nicht wieder erkennen. Zwar müssen wir keine neue Situation wuppen, aber diesen ständigen Kampf zwischen Studium, Job, Kindern und Mann und der Betreuung meiner Ma – es reibt mich auf.
    Liebe Märry Pass auf dich auf! Mache einfach mal langsamer, auch wenn es schwerfällt. Dein Körper kommt an seine Grenzen, immer öfter liest man, dass du krank bist oder kränkelst. Lass es nicht schlimmer werden.
    Du schaffst das, aber vielleicht nicht so schnell wie du es gerne hättest.

  3. Hallo 🙂
    Ich bin durch Zufall auf dein Instagram Profil und deinen Blog gestoßen und hängen geblieben, da ich auch Patchwork lebe und Studentin bin. Eines meiner Fächer ist extrem anspruchsvoll und zeitaufwendig und ich weiß sehr genau, wie du dich im Moment fühlst. Dieses blöde Gefühl, den Kindern (ich hab zwei) nicht gerecht zu werden, von den Aufgaben an der Uni erdrückt zu werden und sich mit dem Mann zu streiten. Ich glaube, man muss da auch seine Erwartungen runterschrauben. Es ist nicht alles immer supitutifrutti. Und es gibt solche und solche Phasen. Gerade gestern unterhielt ich mich mit einer anderen Studentenmama, die gerade sehr verzweifelt ist, weil eines ihrer Kinder zu ihr gesagt hat, sie würde nur noch laut und genervt sein – der Druck an der Uni ist einfach enorm hoch zwischenzeitlich.

    Andererseits – wenn man dann große Bausteine an der Uni oder sonstwo abgearbeitet hat, freut man sich umso mehr.

    Ich leide jedenfalls mit dir!
    Grüße – Julia

  4. Oh, ich fühle so mit dir… Und bin ein wenig ertappt.
    Ich wünsche dir Kraft und ganz viel Raum auch für dich zum Ankommen in dieser Familie. Und euch, dass ihr so viel Zeit habt, wie jeder einzelne und alle zusammen zum Blühen brauchen. Und sie kommt wieder, die Leichtigkeit. Das ist ja an sich dann auch wieder ganz romantisch und irgendwie harmonisch, so ein ausgeklügeltes Chaos. 🙂

  5. Ach danke! Das tut gut!

  6. Das mit den Hausarbeiten wird jetzt nochmal richtig fies und ekelhaft. Der Druck ist hoch, da stimme ich dir zu!

  7. Hausarbeiten sind eh immer so eine Sache, finde ich. Ich musste mal fünf Stück in einem Semester schreiben, danach war ich ganz schön durch, kann man sagen. Und ich bin die Härtefallantragsspezialistin 😀

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