Frau Raufuß

Karriere oder Kind? Was will ich eigentlich?

2008
„Märry, aus dir wird garantiert eine super Anwältin. Du bist so verbissen und verrückt.“
Fast 10 Jahre später sitze ich mit Lisa am See, wir trinken Bier, reden über Jungs und über unsere Zukunft. Irgendwas ist anders und doch irgendwie gleich. Wir sehen gleich aus, trinken nach wie vor Bier aus Flaschen, reden über unsere Beziehungen und meine Ehe, über Kinder, Mutterschaft und das, was wir im Leben noch erreichen wollen. Die Prioritäten im Gespräch haben sich verändert. In eine ganz ganz andere Richtung. Wir suchen nicht mehr nach dem einen Partner, wir haben ihn beide gefunden. Es gibt kein hätte, wäre, wenn sondern ein hier und jetzt. Keine ersten Dates, keine unklaren Verhältnisse und auf keinen Fall hysterische Heul-Anfälle weil der Auserwählte nicht auf die SMS antwortet.

Wir reden über Kinder. Das tun wir tatsächlich zum ersten Mal. Vor fast 10 Jahren wollten wir beide irgendwann mal Kinder, konnten den Zeitpunkt aber nicht eingrenzen. Und anscheinend ist jetzt der Zeitpunkt für dieses irgendwann. Während wir da sitzen und uns unterhalten, wird mir auf einmal bewusst, dass wir so geworden sind, wie wir nie sein wollten. Ich wollte die Welt sehen, im Ausland studieren und als Anwältin arbeiten. Ein Kind kam in meinem 5-Jahres Plan nicht vor.
Als ich im Januar 2012 einen winzig kleinen Herzschlag auf dem Ultraschall sah, wurde dieser Plan nichts sagend. Nach der Geburt und den ersten Monaten entschied ich mich wieder für das Studium und gab Vollgas. „Das schaff ich alles locker, studieren und gleichzeitig Mutter sein.“ Den gesamten Bachelor habe ich diese Geschwindigkeit halten können. Habe bei den Kita-Festen gefehlt, Elternabende ausfallen lassen und mir die Nächte und Wochenenden in der Uni schön geredet. Mein Studium war ganz oben in meiner Prioritäten Liste und ein krankes Kind brachte mich an den Rand meiner Nerven. Doch dann passierte etwas, was ich mir niemals hätte vorstellen können.

2017

„Hallo, mein Name ist Märry. Ich bin Mutter. Nebenbei studiere ich.“ Wenn ich mich heute vorstelle, dann bin ich an erster Stelle Mutter. Und an zweiter Stelle? Da bin ich Ehefrau, vom wohlbesten und verständnisvollsten Mann auf der Welt. Der meine Verschiebung in den Prioritäten jeden Tag erleben muss, der mich ertragen muss und meine launischen Phasen aussitzen muss. Der mich stärkt, genau weiss was hier passiert und schon länger gemerkt hat, dass es wohl anders wird. Neuerdings definiere ich mich immer weniger mit meinem Studium und meinem Beruf. Ich bin Mutter. 24 Stunden, jeden Tag.

Wie es wohl in 10 Jahren aussehen wird? Sitzen Lisa und ich dann wieder am See? In meiner Vorstellung sitzen wir dann nicht auf einem Steg und trinken günstiges Bier aus Holland. Wir sitzen im Café und trinken eine Weißweinschorle. Beide glücklich verheiratet, wir haben zwei Kinder, arbeiten halbtags (ich muss gerade so laut lachen, diese Vorstellung war bis vor einigen Monaten sowas von undenkbar in meinem Kopf. Fast jede Frau, die so ein Leben führt, konnte ich nicht verstehen und habe mich über so ein Leben unglaublich aufgeregt. Wie kann man seine eigene Karriere nur so wegwerfen? Jetzt bin ich auch so eine Mutti.) und leben in kleinen schnuckeligen Wohnungen mit Garten. Wir sind Vorsitzende im Elternrat, im Sportverein und fahren unsere Kinder den lieben langen Tag durch die Gegend. Ich arbeite als Lehrerin und Lisa ist an einem Lehrstuhl angestellt.

Ich bin gespannt. Gerne würde ich die Zeit manchmal vorspulen und gucken, wie sich unser Leben entwickelt. Das schönste an diesem Erlebnis? Auch nach fast 10 Jahren lachen wir über bescheuerte Sachen, verurteilen die Andere nicht und sind nicht alleine.

Könnt ihr das nachvollziehen?
FrauRaufuss <3

1 Kommentar zu “Karriere oder Kind? Was will ich eigentlich?

  1. Liebste Märry,

    ja. Ja, total. Sehr. Muttersein ist einfach dieses Ding. Dieses Eine! Und Ehefrau sein auch. Und Familie sein: sowieso.

    Herzliche Grüße ins schöne Münster

    Lea

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