Das Kind wird groß und niemand hat mich gefragt.

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„ICH MACH DAS ALLEINE.“ Das blonde Mädchen ist wütend. So richtig. Mit Türen knallen, schreien und Augenverdrehen. Was ich falsch gemacht habe? Ich habe wiedermal ignoriert, dass sie jetzt fünf Jahre und schon fast erwachsen ist.

Aber mal von vorne. In den letzten 5 Jahren bin ich wie eine aufgescheuchtes Huhn durch die Welt gelaufen. Ich habe Schuhe zugebunden, Rucksäcke gepackt, Frühstücksdosen mit Inhalt versehen und unzählige Brote geschmiert. Ich habe gebadet, geduscht, angezogen, geföhnt, angeschnallt, aufgeräumt, geschrieben, gebastelt, gebacken und gelesen. Meine Hand war in der Hand des Kindes. Beim Klettern, beim Balancieren, beim Schaukeln.

Dass meine Tochter mich einmal nicht mehr brauchen würde, war mir bewusst. Wie schwer aber dieser Prozess ist, nicht. Mein Kind wird groß. Und niemand hat mich gefragt. Gefragt, ob ich so weit bin. Gefragt, ob ich schon groß genug dafür bin. Wenn mir das Mamasein eins gezeigt hat, dann, dass das gemeinsame Wachsen dazu gehört. Dass ich nicht perfekt bin, niemals perfekt werde und Schwächen habe. Dazu gehört das Loslassen in all seinen Facetten. Das fängt beim Frühstück an, wenn ich mich schwer damit tue, das Brot nicht schon zu schmieren. Es ist spürbar, wenn das blonde Mädchen alleine auf die Kletterspinne möchte und ich nur zusehen darf. Mein Herz bekommt jedes Mal einen kleine Aussetzer und ich möchte sie am Liebsten immer beschützen. Vor Schmerzen, Tränen und schlechten Erfahrungen.

Kinder müssen sich abnabeln, müssen ihre eigenen Erfahrungen machen und daran wachsen. Sie müssen Dinge lernen und werden dabei von uns begleitet. So leben wir hier seit fünf Jahren. Das blonde Mädchen darf probieren, testen, alleine machen und immer ist eine helfende Hand zur Stelle. Vielleicht ist sie auch eben deswegen schon so groß, weil sie immer getestet und probiert hat.

Wenn Mamas weniger gebraucht werden

Und dann erwische ich mich, wie ich in der Küche sitze, meinen Kaffee trinke und nichts zu tun habe. Ich darf das Kind nicht duschen, darf ihr beim Anziehen nicht helfen und den Plätzchenteig nicht mehr machen. Ich darf ihr keine Hand mehr reichen, wenn sie klettert. Darf keine Plätzchen mehr ausstechen und keine Einkaufslisten mehr schreiben. Was ich aber darf, ist Stolz sein. Dabei zusehen, wie meine Tochter ein kleiner selbstständiger Mensch wird. Mich an Liebesbriefen und Einkaufslisten erfreuen, die Teigreste vom Boden kratzen und mit freudigen Augen die schönen Plätzchen angucken. Dabei zusehen, wie das Kind ohne Hilfe mit Matschhose, Gummistiefeln und gepacktem Rucksack an der Tür steht und auf den Spielplatz möchte. Und jedes Mal hüpft mein Herz, wird ein Stück größer und ich lerne damit klarzukommen.

Ich werde nicht weniger gebraucht, nur eben anders. Könnt ihr das verstehen?

FrauRaufuss

 

Das Kalinchen trägt eine Matschhose von Celavi und gefütterte Bisgaard-Gummistiefel. Finden wir für Herbst und Winter praktischer, da fallen die Flecken und der Dreck nicht so auf.  Bei diesem Beitrag handelt es sich um unbezahlte Werbung. 

5 Kommentare zu “Das Kind wird groß und niemand hat mich gefragt.

  1. Ein richtig schöner Text und ich kann es so sehr nachempfinden…. Sie wachsen und wachsen und plötzlich sagen sie „ähm… Ich kann das alleine“ und dann können sie es tatsächlich…. Wie Mamas haben es nicht leicht ♥️

  2. Dieses Großwerden kann so spannend sein. Ich durchlege es gerade sehr sehr intensiv. Die Schulzeit pusht da nochmal einen Schub mehr! Aber soll ich Dir was sagen? Ich finde es toll! Es ist ein tolles Gefühl und das zulassen zu können ist noch toller (Ich schrieb darüber: http://feiersun.de/mein-kind-wird-gross/)!

    Also genieße es und sei wehmütig. Sei stolz und pssssst, aber wenn sie schlafen und sich so an einen kuscheln, wenn sie etwas haben uns sich an uns schmiegen, wenn sie plötzlich in kleinen Momenten nicht mehr nur groß sind, dann sind sie kurz nochmal unsere kleinen Mädchen <3

    Drück Dich und das kleine große Mädchen
    JesS

  3. Ich weiß, dass wir eine Zeit lang diesen Moment kaum erwarten können. Endlich wieder die Hände frei für eigenen Kram, aber wenn es dann so weit ist, tut es doch ganz schön weh, oder? Immerhin hat man das ja alles gerne getan und das Gefühl gebraucht zu werden sehr genossen.

  4. Ich habe Bammel vor dem Tag. Obwohl ich jetzt schon finde, dass der Große sich „distanziert“ aber abends schlage ich zu 😀
    Da sind sie alle gleich, wenn es dunkelt wird und die gemütliche Zeit des Tages anbricht, dann wird gekuschelt und ich hoffe so sehr, dass dies einfach niemals aufhört. 🙂

    Liebste Grüße,
    Alina

  5. Hallo,
    Du beschreibst so ziemlich die gleiche Situation wie bei uns Zuhause. Im Gegensatz zu meinen 3 Jungs, ist unsere Tochter schon immer ganz erpicht darauf gewesen alles selbst zu machen. Sie ist selbständig und selbstbewusst. Wenn du nichts zu tun hast, genieße deinen Kaffee und freue dich, dass du so eine tolle Tochter hast. Liebe Grüße Sandra

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